Ob eine lesbische Eiskönigin, ein schwuler Captain America oder jetzt ein möglicherweise lesbisches Pärchen bei Finding Dory – das Internet explodiert nahezu vor lauter Hoffnungen auf offizielle LGBT-Charaktere. Neben den Befürwortern gibt es auch eine Reihe Leute, die gar nichts davon hält. Während sie versuchen, im Sinne der Kinder zu argumentieren, beweisen sie vor allem eins: Sie haben die Botschaft nicht verstanden.

Seit Wochen erorbert der Hashtag #GiveElsaAGirlfriend das Netz und mittlerweile dürfte jeder davon gehört haben: Fans wollen, dass Disney endlich seine erste lesbische Prinzessin erschafft – und zwar keine geringere als die Eiskönigin Elsa in der anstehenden Fortsetzung von Frozen. Doch obgleich der Hype zum Selbstläufer emporstieg, tausende Social Media Nutzer begeisterte und auch die fetten Medien wie der Guardian und der Spiegel die Geschichte aufgegriffen haben und sich nun sogar Idina Menzel  als Unterstützerin der Kampagne entpuppte – wer glaubt ernsthaft daran, dass Disney darauf eingehen könnte? Meine persönlichen Zweifel entstammen nicht bloß der Annahme, dass Disney aus Angst vor Reaktionen konservativer Lager und möglichen finanziellen Einbußen sein Erfolgswerk Frozen nicht auf glattes Terrain schicken möchte. Ich zweifele auch, weil ich mir Reaktionen im Netz angesehen habe – und zwar auch die von denen, die sich nicht dem Hype angeschlossen haben.

Unter #DontGiveElsaAGirlfriend hat sich mittlerweile ein (deutlich weniger erfolgreicher) Gegen-Hashtag gebildet. Was die Leute da so von sich geben…

DontGive

Tatsächlich ist eine gewisse Panik bei den #GiveElsaAGirlfriend-Gegnern ausgebrochen. Auf Change.org und IPetitions.com gibt es Online-Petition gegen eine Verbindung von Elsa mit einem anderen Mädchen. Die Initiatoren dort plädieren jeweils dafür, Elsa sollte einfach Single bleiben, als Zeichen dafür, dass Frau auch ohne Beziehung glücklich sein kann. Keine Beachtung findet in dieser Argumentation, dass Disney längst schon einen solchen Film und eine solche, unabhängige Prinzessin mit Merida hervorgebracht hat. Bei Disney gibt es schon alles – außer LGBT-Charaktere. Dabei ist das Interesse so groß! Nachdem auch Marvel-Fans unter dem Hashtag #GiveCaptainAmericaABoyfriend ebenfalls einen LGBT-Helden fordern, heizt nun der Trailer zu Disneys Finding Dory die Debatte an. Möglicherweise ist in dem Trailer ein lesbisches Pärchen zu sehen, das in einer Nebenrolle auftritt.

via Giphy.com

Ist das ein lesbisches Pärchen im “Finding Dory”-Trailer? (via Giphy.com)

Ob das ein Pärchen ist, oder bloß zwei Freundinnen, beschäftigt derzeit das Netz. Allein, dass sich damit so intensiv beschäftigt wird, zeigt, wie groß das Interesse der Welt an dem Aufgreifen der Thematik ist, ja wie sehr alle danach lechzen, dass so werteprägende Blockbuster beginnen, auch diesen Teil der Gesellschaft in ihren Geschichten zu spiegeln. Naja, alle, bis auf die besorgten Eltern.

Das ist doch nichts für Kinder…?!

Natürlich findet man immer unter jeglichen Sichtbarkeit für Homosexualität generierenden Themen Menschen, die das doof finden. Ich selbst saß vor Jahren einmal beim Fernsehen neben einem jungen Mann, der, als die Tagesschau (den leider kürzlich verstorbenen) Guido Westerwelle zeigte, sagte: “Solche Leute machen, dass kleine Kinder schwul werden.” Ich hab gedacht, ich hör nicht recht. Es gibt leider Menschen, die meinen, allein die Sichtbarkeit von Homosexualität lässt diese quasi wie einen Virus um sich greifen. Auch schon vor #GiveElsaAGirlfriend gab es (fundamental-christlich denkende) Menschen, die davor warnten, Frozen könnte schwul machen.

Diese “Sorgen” um das angebliche Wohl der Kinder macht mich sehr, sehr nachdenklich. Allein auf Facebook sind mir zum Thema Frozen Kommentare unter gekommen wie dieser:

“Und ich finde einfach, dass so etwas nicht in einen Disney Film gehört. Das ist die Aufgabe der Eltern ihren Kindern so etwas zu vermitteln und nicht Filme.”*

Zweifelsfrei können Filme die Werte eines Kindes prägen. Aber wäre das nicht cool, wenn ein Kind dank Frozen 2 von Anfang an vermittelt bekommen würde, dass Homosexualität vorkommt und Ok ist? Tatsächlich kann so eine selbstverständliche Vermittlung des Themas den Eltern doch nur einen Haufen Erklärungsnot abnehmen. Außerdem – gingen wir nach der Logik, dass es Themen gibt, die nur Eltern ihren Kindern vermitteln sollten und sonst gar nichts, müssten Kinder von jeglichen Medien und der Außenwelt abgeschottet werden. Denn was, wenn sie z.B. auf der Straße einem homosexuellen Pärchen begegnen? 

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Und was ist mit all den Kindern, deren Eltern nicht von sich aus darauf kommen, ihnen Homosexualität zu erklären? Was ist mit denen, die homophob sind? Diese Kinder laufen dann Gefahr, ohne Vorbilder und positive Beispiele entweder selbst so zu werden oder, sollten sie homosexuelle Tendenzen entwickeln, in eine große Krise zu stürzen.

Interessant ist, dass offenbar zumeist Eltern versuchen, im Sinne der Kinder zu argumentieren – doch dabei nur ihre eigene Unsicherheiten und Berührungsängste enthüllen. Sie wissen nicht, wie sie einem Kind irgendwelche eventuellen Fragen beantworten sollen. Oder wollen es nicht. Also hat hier die erziehende Generation ein Problem mit einer lesbischen Disneyprinzessin. Wahrscheinlich mehr, als es die Kinder letztendlich hätten! Fragt sich, wovor sie sich fürchtet? Vor dem Homo-Virus, der durch blankes Sehen eines homosexuellen Pärchens sofort den kindlichen Geist befällt? Das macht natürlich total Sinn. Diese Logik erklärt auch, warum wir alle gewalttätige, mordende Straftäter geworden sind, da wir schließlich alle schon einmal Tatort geguckt haben.

Angst vor dem Identifikationsverlust

Mir ist noch ein anderer Argumentationsansatz gegen eine lesbische Elsa begegnet. Und zwar der von Frozen-Fans, die Angst davor haben, sich dann selbst nicht mehr mit ihrer Lieblingsprinzessin identifizieren zu können. Diese Leute schieben meist voraus, dass sie absolut gar nichts gegen Homosexualität hätten – aber in diesem einen speziellen Fall von Elsa das Thema nicht für angebracht halten. Gerne ein anderer Charakter, kein Ding, aber Elsa? Nein. Und ein bisschen kann ich das ja verstehen… Denn ich habe mich in der Vergangenheit durchaus schon über vermeintlich lesbische TV-Charaktere geärgert, die ich toll fand, doch die dann wieder hetero wurden. Ich fühlte mich von ihnen wie im Stich gelassen und konnte mich nicht so mit ihnen identifizieren wie zuvor. Aber. Bei der Fülle an heterosexuellen Disneyprinzessinnen kommt mir diese Argumentation gegen eine lesbische Elsa doch reichlich… egozentrisch vor.

Die Mischung aus “Besorgte Eltern” und “Identifikationsverlust” liest sich übrigens so:

“Ich glaube bei den größeren Kindern (Grundschulalter – Vorschule) wird Elsa dann nicht mehr die Selbe sein & der Film verliert Fans & Zuschauer.”*

Dieser Satz enthüllt die eigentliche Tragik der ganzen Diskussion. Für Kinder wird Elsa nicht mehr dieselbe sein. Funktioniert genau wie Für mich wird Elsa dann nicht mehr dieselbe sein. Jetzt sollten wir uns alle mal fragen, warum Elsa nicht mehr dieselbe sein kann, falls sie sich in ein Mädchen verliebt? Und dann sollten wir uns fragen, ob das wirklich die Quintessenz ist, die übrig bleibt bei den Zuschauern von Frozen. Einem Film, der eigentlich dafür plädiert, sich so zu akzeptieren, wie man ist – auch wenn kein anderer um einen herum so ist. Der dafür steht, aus den gängigen Konventionen auszubrechen und sich selbst von ihnen zu befreien. BÄMM!

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“Frozen” steht dafür, sich von Erwartungen anderer zu befreien und ganz man selbst sein zu können. Egal ob hetero oder homo. (via Giphy)

Wenn Disney diese Message wirklich ernst meint, dann bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als endlich einen lesbische Prinzessin zu schaffen – sonst verstehen es einige einfach nicht. Manche Leute glauben ja, dass blankes Sehen von homosexuellen Menschen schwul oder lesbisch macht. Ich vermute im Umkehrschluss, dass diese Menschen nur ihre Ängste vor Homosexualität verlieren können, wenn sie sie sehen. Wenn sie immer wieder sehen, dass es sie gibt und dass sie nicht beißt. Dass kein LGBT-Charakter und kein LGBT-Film einen Menschen homo macht – sondern höchstens toleranter.

 

(*Originale Kommentare in originaler Schreibweise)