Wie vollziehe ich mein Coming-out?

Ein Coming-out ist nichts, was man einmal macht und dann nie wieder. Egal, vor welchem Menschen du dich zum ersten Mal outest – von diesem Moment an wird kein Schild auf deiner Stirn kleben und allen anderen Menschen sagen, wie es um deine Sexualität bestellt ist. Was irgendwie beruhigend ist. Aber du wirst dich aller Wahrscheinlichkeit nach wieder und wieder und wieder outen müssen… Das Gute daran: Mit jedem Mal wird es einfacher.

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Coming-out: Wie bringe ich es über die Lippen? (Quelle: Pixabay)

Vor wem soll ich mich zuerst outen?

Es ist naheliegend, dass sich das erste Coming-out im Freundes- oder Familienkreis vollzieht. Dort sind die Menschen, mit denen du am meisten zu tun hast und die für dein alltägliches Leben am wichtigsten sind. Am besten suchst du dir eine nahestehende Person, bei der du das Gefühl hast, dass du mit ihr gut reden kannst. Das kann deine beste Freundin, Mutter oder dein Bruder sein – du weißt am besten, mit wem du reden kannst.

In welcher Situation soll ich mich outen?

Vielleicht ist es nicht die beste Idee, sich in der Kurve eines Bundesliga-Fußballstadions oder nachts in einem überfülltem Club seinen Freunden zu offenbaren – denn dann verstehen sie dich bei der Lautstärke nicht und sind in der Masse nicht frei genug, um genauer auf dich einzugehen. Besser ist also ein Gespräch unter vier Augen in angenehmer Umgebung, wie vielleicht bei einem Spaziergang, bei dem man seine Nervosität in der Bewegung abarbeiten kann. Wenn so ein direktes Gespräch noch zu krass ist – ich habe mein erstes Coming-out im Freundeskreis in einem Chat hingelegt. Dabei hat mir geholfen, dass ich demjenigen nicht direkt gegenüber stand, sondern schön sicher vor meinem Computer sitzen und mir meine Worte sorgfältig zurecht legen konnte. Letztlich sind äußere Umstände relativ egal – gut ist, wenn du dich wohl fühlst!

Was soll ich sagen?

Wenn es soweit ist, ist egal, was man genau sagt. Ein “Ich bin lesbisch” wäre klassisch, mag manchem aber zu direkt erscheinen, “Ich stehe auf Frauen” tut es auch. Wichtig ist, dass man es sagt! Selbst, wenn dein Gegenüber erst einmal überrascht, irritiert oder verwirrt reagieren sollte – oftmals brauchen Leute nur ein bisschen Zeit, um den Gedanken sacken zu lassen. Nach meinen Coming-outs wurden mir immer einige neugierige Fragen gestellt – “Seit wann ist das so? Wie hast du es gemerkt? Wem hast du es schon gesagt?” – und das fand ich gut. Jedem Menschen, vor dem ich mich geoutet habe, bin ich so näher gekommen.

Bei mir war das so…

Da ich meine gesamten Teenagerjahre mit dem Gedanken ans Lesbischsein durch die Welt gerannt bin, hat meine Mutter davon irgendwann Wind bekommen. Mütter haben da so ein bestimmtest Gefühl für, selbst wenn sie es sich vielleicht nicht so wünschen würden und erst ihre Probleme damit haben könnten. Mein Coming-out vor meiner Mutter musste ich nicht planen – sie hat mich darauf angesprochen und hatte sich selbst bereits auf meine Antwort vorbereitet. Anders lief das bei meinen Freunden.

Meinen Freunden gegenüber habe ich das insgesamt größere Versteckspiel gespielt. Als Schülerin einer Mädchenschule, wo es ab einem gewissen Alter wenig spannenderes als Jungs gab, habe ich mich einfach angepasst. Ich habe zugehört, wenn für Jungs geschwärmt wurde, hier und da meinen verständnisvollen Kommentar abgegeben… Einfach mitgemacht. Und bloß nicht durchblicken lassen, dass ich das vielleicht anders empfinden könnte. Selbst, als ich in meiner Abiturphase meine erste feste Freundin hatte, habe ich das so lange für mich behalten, bis ich das Abi in der Tasche hatte. Somit habe ich kein Coming-out in der Schule vollzogen. Nach und nach habe ich mich dann vor meinen Freundinnen geoutet – erst vor der einen, dann vor der anderen, peu á peu – und alle haben gut reagiert. Keine hatte es geahnt, aber alle waren locker und mit allen bin ich auch heute, Jahre später, noch befreundet.

Rückblickend betrachtet denke ich, dass ich mich früher hätte outen können, ohne den Kopf dafür abgerissen zu bekommen – aber hinterher ist man immer schlauer, nicht wahr? Ich habe meine Zeit gebraucht und manchmal brauche ich sie auch heute noch. Es ist ja Quatsch, jeden neuen Menschen, den man kennenlernt, mit “Ich bin übrigens lesbisch!” zu begrüßen. Aber ich bin dazu übergegangen, das Thema schnell zu klären, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mit der neuen Bekanntschaft zukünftig mehr zu tun haben möchte.

Es gibt nicht das Coming-out – es gibt nur viele davon! Wenn es einmal, zweimal, dreimal geschafft wurde, wird es immer leichter. Ob man sich nun auch in der Schule oder auf der Arbeit outen möchte, vor Menschen, mit denen man sonst nicht viel am Hut hat, bleibt jedem selbst überlassen. Bis jetzt lehrten mich meine Erfahrungen: Es fühlt sich gut an, zu sich zu stehen.

 

5 Schritte zum Coming-out: